Ägyptologie im Exil 

Eine bisher unbeachtete Quellensammlung
zur Geschichte der Ägyptologie


Am Morgen des 10.November 1918 betrat der letzte deutsche Kaiser, Wilhelm II., bei Eysden niederländischen Boden, um nach Ausrufung der Weimarer Republik in den Niederlanden um Asyl nachzusuchen. Nachdem ihm dieses unter bestimmten Auflagen auch gewährt wurde, begann Wilhelm II., der immer noch über ein bedeutendes Privatvermögen verfügte, sich nach einem ständigen Aufenthaltsort umzusehen. Ein Schloß in einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Utrecht, in Doorn, entsprach seinen Wünschen wohl am besten, und nach diversen Umbauten bezog der Ex-Kaiser am 15. Mai 1920 sein neues - und auch letztes - Domizil. Hier verstarb er am 4. Juni 1941, bis zuletzt auf eine Restauration der Monarchie hoffend. Hermine von Schönaich-Carolath, geborene Prinzessin Reuß, die zweite Frau Kaiser Wilhelms, kehrte nach dem Tod ihres Mannes nach Deutschland zurück, wo sie 1947 in Frankfurt an der Oder starb. Im selben Jahr wird Schloß Doorn in den Besitz des niederländischen Staates überführt und 1955 als Museum Huis Doorn der Allgemeinheit zugänglich gemacht. Der gesamte Schriftverkehr der kaiserlichen Familie und des Hofmarschallamts jedoch wird in das Reichsarchiv der Stadt Utrecht überführt, wo er unter der Nummer R.14 als Archiv Ex-Kaiser Wilhelm in mehr als 600 Einzeldossiers aufbewahrt wird.

Der Tradition des Hauses Hohenzollern verpflichtet, unterstützte und förderte Wilhelm II. während seiner Regentschaft die antiken Wissenschaften auf vielfältige Weise (die Ägyptologie verdankt ihm unter anderem die Etablierung des "Wörterbuchs der Ägyptischen Sprache" vor genau 100 Jahren an der Preußischen Akademie der Wissenschaften).

Auch in seinem Exil beschäftigte sich Wilhelm II. neben Gartenarbeiten und dem Verfassen seiner Memoiren mit antiken Kulturen, was in der Gründung der "Doorner Arbeitsgemeinschaft" gipfelte, einer Vereinigung interessierter Personen um Wilhelm II., die namhafte Gelehrte nach Doorn zu Vorträgen einlud, sich in Korrespondenz mit deutschen und ausländischen Gelehrten sowie Mitarbeitern und Direktoren Archäologischer Institute mit Problemen antiker Kulturen befaßte und die Ergebnisse dieser Diskussionsrunden in Buchform publizierte.

Für die an Wissenschaftsgeschichte interessierten Ägyptologen dürfte die 1936 veröffentlichte Broschüre "Vergleichende Zeittafeln der Vor- und Frühgeschichte Ägyptens und der Mittelmeerländer" von besonderem Reiz sein, weniger wegen ihres Inhalts, sondern weil sich in den Dossiers 305 bis 307 die gesamte Gelehrtenkorrespondenz zu dieser Publikation erhalten hat. Hier finden sich neben Briefen vieler anderer deutscher Altertumswissenschaftler dieser Zeit unter anderem Briefe von Heinrich Schäfer und Alexander Scharff mit zum Teil ausführlichen Darlegungen zu Fragen der ägyptologischen Chronologie. Im Dossier 267 liegen mehrere Briefe von Friedrich Wilhelm von Bissing an den Ex-Kaiser, die - wie aus handschriftlichen Vermerken auf den Briefen hervorgeht - Wilhelm II. auch vorgelesen wurden, sowie ein Sonderdruck von Hermann Kees mit eigenhändiger Widmung des Autors. Erwähnenswert ist auch die ausführliche Korrespondenz des Ethnologen Leo Frobenius mit dem Ex-Kaiser, die über einen rein wissenschaftlichen Rahmen weit hinausgeht. Das Interesse von Wilhelm II. an den Reisen und Forschungen des großen Gelehrten zeigt sich auch darin, daß Frobenius persönlich nach Holland eingeladen wurde, um im Rahmen der "Doorner Arbeitsgemeinschaft" über seine Entdeckungen zu berichten.

Über 600 Dossiers in nur vier Stunden durchzusehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es ist daher mehr als wahrscheinlich, daß in anderen Ordnern noch weitere Briefe aufbewahrt sind, die wir übersehen haben. Umwerfende neue Erkenntnisse zur Geschichte insbesondere der deutschsprachigen Ägyptologie sind aus dem Archiv des Ex-Kaisers Wilhelm II. sicher nicht zu erwarten. Eine Sichtung der Materialien dürfte sich aus ägyptologischer Sicht aber dennoch lohnen, werfen sie doch einen Blick auf den Wissensstand vor 60 Jahren und auf die Geisteshaltung einiger "Großen" unseres Faches.


Jochen Hallof
Dresden, Deutschland
Hans van den Berg
Hilversum, Niederlande